Betrachtung

 

Notenphilosophien
 
Noten sind eine Liebeserklärung an den Interpreten. Nicht jeder Interpret entziffert sie so, dass sie ein weiterer Mensch als solche erkennt. Die Liebe zu den Noten und zu einem Musikstück empfindet der Interpret ernster, der Empfänger jedoch speziell und auch mitunter intensiver als der Interpret. Weil der Empfänger völlig unvorbereitet verzaubert sein kann. Der Interpret hingegen darf so gut vorbereitet sein, um verzaubern zu können.
Eine Musik will in jedem Winkel sich offenbaren. Musiker sollen das gesehen haben, bevor sie anfangen, die Winkel zu zeigen. 
Was bedeutet Musik einem Menschen, der sie einsetzt, um sich mit ähnlicher oder der selben Musik Anderer gegenüber zu messen?
Liebe für’s Detail entsteht, wenn der Drang groß genug ist, sich einem “vielleicht” zu widersetzen.
Improvisation ist ein heilvolles Mittel, um dem Schatten des Musizierens Parole zu bieten.
 
Weitgreifenderes
>>Lebe mit der Klassik aber gegen die Klassik.<<
Prélude/Vorspiel (09.12.2017)
Die Kunst, über feine Antennen ein Werk zu erschaffen, ist eine Fertigkeit, über die große Meister, wie man sie in der Gegenwart (die ferne Zukunft der Meister) eingesammelt anpreist, verfügten, ohne über deren Dasein zu prahlen. Nun, mindestens 200 Jahre später, hier in der musikdurchschwängerten Gegenwart, werden des Musikers oder Komponisten Biografien vollgewienert. Sie werden zu Hünen auserkoren. Umso mehr Kommas ein Satz füllt, desto gewollter soll ein Erstaunen einziehen. Anerkennung entsteht mit Siegen. Es wird geprahlt.
Die Meinung des ahnungslosen Publikums zählt nicht. Wenn ein Komponist mit prahlerischer Biografie im Programmheft steht, muss ja alles umwerfend und meisterhaft sein. Im Direktvergleich, Gegenwartskomponisten und ihre Werke. Zu einem Höhepunkt nicht im Stande; deshalb ganz vorne im Programm. Denn da flüchtet kein Zuhörer, wenn er wegen einer Beethovensinfonie die Konzertkarten gekauft hat. So wird die moderne, tonal fremdschämende Geisteshaltung angeboten und wurde zumindest mal gehört. Ins Register für meisterhafte Errungenschaften kommen eine Vielzahl zeitgenössisch klassischer Werke nicht. Welches Publikum geht ein zweites Mal zu einem Stück, dass nicht mit Sicherheit berührt haben konnte? Die hilflosen Gefühlsmenschen kommen erneut für die Meister der Klassik in den Zuhörersaal. Die Musiker im Übrigen schätzen die Meister auch mehr. Selbst dann, wenn sie die Meisterwerke als zu gefällig einschätzen. Die Alten sind und bleiben Vorbilder. Wer ist in der Welt der Klassik als zeitgenössischer Komponist noch ansatzweise ein Vorbild wie Beethoven und Rachmaninov, um die sich alle reißen? Also wie steht es mit der Popularität der klassischen Komponisten der Gegenwart? Großkunst für Herzen adé, denn Klassik der Neuzeit tut vordergründig weh. Der jungen Generation tut sie weh, weil die strategisch erdachte Musik der modernen Klassik nicht die Gefühle der jungen Leute anspricht.
Also, die Kunst, Musik für Zuhörer erlebbar zu machen, wird gerne vernachlässigt, denn der Vieldenker will König sein. Die selbsternannten Könige lieben ihr Werk aber nicht den Menschen, der es sich anhören soll. Na gut, es sei denn, es handelt sich um Studenten. Musikstudenten müssen sich durchfüttern. Sie sollen ihre höchste Denkleistung erlangen, der Klang ihrer Leistung bedarf nichts Liebevolles. Stundenten sind Versuchskaninchen moderner Klassik. Orchestermusiker machen es halt freiwillig. 😉
Zusammenfassung aus deutscher Tradition:
Es verfliegt das leise Genie im Meister, der des Fachs Meister sein will. Genügsam ist nur der Kaffee, der aus dem Starbucksvulkan heiß rausschießt. Deren Kaffeebecher landen auf dem Gehäuse von Klavieren. Der künstlerische Weg ist schnellebig, wie der nasse Kaffebecher auf dem Klavierdeckel, der vergessen wurde weggeworfen zu werden. Der Kunstgegenstand hat keinen Wert mehr. Nur der Künstler soll Wert besitzen, sagt die gekünstelte Biografie. Musik wird digital niedergeschrieben oder erfasst. Handschrift mit Blei- oder anderen Stiften stirbt aus. Das kompositorische Voraushören verlernt sich, wie sich das in die Ferne schauen verlernt, weil ein Monitor uns den Weg zeigt. Schade. Aber gut für die Meister. Sie gab es.
Marcel Rose
09.12.2017
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“Mein Kind soll kein Pianist werden”
________________________________________________Der nachfolgende Text ist dafür da, dass die Leser wissen, sich keine Ängste darin halten zu müssen, dass man als Klavierlehrer zwangsläufig das Ziel gerne sieht, Schüler zum Pianisten zu machen.Ich bin vordergründig Komponist und bin froh, dass ich als Diplom-Klavierpädagoge die Fähigkeiten der Schüler entdecken darf und frei entfalten lasse. Pianist werden die Wenigsten und gelegentlich nur solche, die durch eigenen Ansporn diesen Beruf vor Augen haben, ohne dass es ihnen vorgesprochen wird. Im Studium, bei Professoren, wird man wohlmöglich Pianist, nicht bei freiberuflichen (Selbstständigen) Klavierlehrern oder Musikschulen. Ich bilde keine Pianisten aus und unterrichte für das Interesse des Schülers. Ich unterstütze auch Schüler, die eine besondere Absicht, wie das Studium im Bereich Musik haben, jedoch haben – innerhalb meiner Beobachtung – weniger als 1% der Schüler (im Laufe der Jahre eines Instrumentallehrers) solch ein Ziel.
Die Schüler zeigen durch ihr Temperament und ihr Tempo eigenständig, was sie beim Klavierspielen wollen. Zu 99% ist Klavierspielen ein Hobby. Es gibt sogar Klavierspieler, die nicht Pianist werden wollen aber gefühlvoller spielen als Studenten, die widerum bewusst ein Klavierstudium machen. Deshalb denke ich darüber, das der Drang zu sagen “ich will kein Pianist werden” den Einstieg in den Unterricht grundlegend gefährdet. Ohne, dass die Schüler es bemerken. Die meisten Schüler sind jung und werden von den Eltern gebracht. Nicht mal das größte Talent wird Berufspianist, wenn es sich mit dem Grundgedanken, nicht Pianist werden zu wollen, bremst. Ich beobachte, dass Schüler, die von ihren Eltern mit diesem Leitgedanken an den Lehrer treten, sich unbewusst sperren. Dabei könnten sie einfach nur locker an die Sache herangehen und Freude am Ausprobieren haben. Sogar einen tiefgründigen Umgang mit Musik erleben und sich gesteigerter wahrnehmen, gesteigerter als “ach, das is ja cool”. Eltern, die mit der Vorgabe “nicht Pianist werden zu sollen” den Schüler anmelden, engen den Schüler in seiner Leichtigkeit ein und machen bereits dort den größten Fehler, und den Einstieg mit Leichtigkeit kaputt. Denn so hört der Schüler auf die Eltern (Eltern kontrollieren beiläufig die Stücke) bzw. den fremdgesteuerten Leitspruch und hört nicht mehr auf die Angebote des Lehrers, die Freude machen können. Dann ist der Lehrer sogar unnütz, weil er nicht angehört wird. Noch schlimmer ist es, wenn sich Eltern einmischen, die es besser wissen wollen.
Aus diesen gesamten Gründen arbeite ich gegen das Weichspülprinzip der Musikschulen und lasse dem Schüler seine Entscheidung (Ziele) selbst entdecken, und gebe Spielwünschen ganze Chance. Nicht der Czerny oder andere altmodischen Paragraphenreiter legen die Weichen sondern eine umfassende Akustik im Herzen des Pädagogen, der innerhalb der Zeit seiner Gegenwart sein altes Wissen aufputzt und kreativer ist, als das alte Nachschlagewerk.🎶🎶🎶🎶🎶🎶🎶🎶🎶🎶🎶🎶🎶🎶🎶🎶🎶Und zum regelmäßigen Üben ist es so, dass ich niemanden zwinge. Wenn ein Schüler jedoch schon ankündigt, dass er weniger Üben einplant – aus Freiheitsgründen ist das zwar absolut nachvollziehbar, und die Freiheit werde ich nicht kritisieren – so heißt es jedoch, dass ich die Stunde wie der Schüler faulenzen könnte und das fühlt sich für mich nicht richtig an. Genauso unpassend ist es also, das Üben zu unterlassen.
Täglich Üben ist wie das Pianist werden in der Gesellschaft schon eine Seltenheit, die an Attraktivität zunimmt. Es gibt dennoch Schüler, die bei zwei bis dreimaligem Üben pro Woche (je 20-30 min.) toll voran kommen; in ihrem eigenen Tempo. Sollte das Gähnen des Schülers auf die Fingerglieder einredend anhalten, weil dieser bessere Aktivitäten woanders pflegt, sollte er sich die Strapaze, zum wöchentlichen Unterricht zu kommen, lieber von den Schultern klopfen und der allgemeinen Schulpflicht – die auch den Schüler hier und da ankotzt – nachkommen. Davor aber nochmal abwägend, was ist ggf. reizender, das Hobby als Ausgleich oder die Schulpflicht?Da die Kinder von heute aber mit vielen Hobbyaktivitäten beschäftigt werden, um den Eltern vom Hals zu bleiben bzw. ja nicht auf dumme Gedanken zu kommen, braucht Nichts genauer unter die Lupe genommen werden. Zeit zum Üben besteht durch das Rennen zwischen den Hobbys fern des Familienheims demnach seltener bis gar nicht. So lassen sich Hobbys völlig emotionsfrei austauschen. Die Eltern zahlen ja.
Marcel Rose
19.12.2017